„Was zeigen wir dem Rassismus? Die rote Karte!“

Was haben Kenia, Fußball, Integration, Inklusion und Osnabrück miteinander zu tun? Das sind exakt die Eckpfeiler von Kenny Krauses Welt. Der gebürtige Kenianer hat in Osnabrück Deutschlands erste soziale Sportschule aufgebaut. Der ehemalige Handballer, der seine Kindheit und Jugend bis zu einer schweren Knieverletzung in der Handballhalle beim berühmten VfL Gummersbach verbrachte und in den oberen Ligen spielte, hat nur zufällig entdeckt, dass er ein Händchen für Jugendliche hat – insbesondere für die, die besondere Aufmerksamkeit brauchen. Das war der große Wendepunkt im Leben des gelernten Bürokaufmanns. Seine Mission seitdem: durch gemeinsames Training Mitmenschlichkeit, Empathie und Respekt erlebbar machen. Die von ihm gegründete soziale Sportschule „We PlayFair!“ fördert Integration, Inklusion, Fairplay über den Hebel Sport. Ganz nebenbei motiviert er die jungen Menschen, ihr Leben aktiv zu gestalten. Mit großem Erfolg.

Wenn Kenny Krause über seine Arbeit mit Kindern und Jugendlichen spricht, ist unübersehbar, mit wie viel Herzblut er bei der Sache ist, wie ihn die Schicksale der Kinder berühren, wie er für seine Botschaft brennt. Kindern und Jugendlichen Fairplay, den Teamgedanken und Empathie zu vermitteln, über Nationen, Sprachen, Altersgrenzen hinweg. Ob aus wohlhabendem Elternhaus oder einem sozial benachteiligten, ob mit oder ohne körperliche oder geistige Beeinträchtigungen ist gleichgültig – was allein zählt, ist das kollegiale Verhalten auf dem Platz. Sehr klare Worte können die Kinder erwarten, die sich abfällig über andere Menschen äußern, die rücksichtslos ihr Ego auf dem Platz durchsetzen wollen oder nicht hilfsbereit sind. Eine deutliche Rückmeldung folgt auf dem Fuß und auch eine lebensnahe Erklärung, wie man es besser macht. Genau diese direkte Art kommt bei den jungen Menschen an. Der Erfolg gibt ihm Recht. Viele Lebenswege hat er positiv beeinflusst, zahllosen Jugendlichen die Augen für ihre Mitmenschen geöffnet, Zusammenhalt und Freundschaft über soziale Grenzen hinweg gestiftet.

Aber zurück zum Anfang: Nachdem Kenny und seine heutige Frau, eine Osnabrückerin, sich kennengelernt hatten, führten sie zunächst eine Fernbeziehung zwischen Gummersbach und der Hasestadt. Kenny war als Redakteur der TV-Show „Der XXL Ostrfriese“ mit Tamme Hanken ohnehin viel unterwegs. Dann folgte die Rolle des Co-Trainers an der Seite von Hans Sarpei und Peter Neururer in der TV-Sendung „Das T steht für Coach“. Gemeinsam coachten sie Amateur-Fußballvereine aus ganz Deutschland, die in einer Krise steckten. Das Dreierteam schenkte den Mannschaften vor laufenden Kameras Unterstützung auf Profi-Niveau.

Als Kenny und seine Freundin genug hatten von der Fernbeziehung, zog er nach Osnabrück. „Ich fühlte mich sofort wohl, bin toll aufgenommen worden. Außerdem fand ich es landschaftlich hier schon immer sehr schön.“ Als er seine heutige Ehefrau, die Schulsozialarbeiterin ist, einmal bei ihrer Arbeit unterstützte, kam es zu dem großen Aha-Erlebnis in seinem Leben. „Der Umgang mit den jungen Menschen fiel mir leicht und ich merkte, die sprangen auf mich und was ich sagte, an. Und ich hatte, ohne lang zu überlegen, eine Herzensbotschaft. Miteinander statt gegeneinander, Empathie statt Ausgrenzung. Die Arbeit gab mir so unendlich viel und ich wollte unbedingt mein Leben damit füllen“, erinnert sich Krause.

So gründete er in Osnabrück gemeinsam mit seiner Frau die erste soziale Sportschule Deutschlands namens „We PlayFair!“.  Seine Frau hat als studierte Sozialpädagogin die pädagogische Leitung, Kenny ist Cheftrainer. Das Konzept: Sportevents für junge Menschen zwischen 6 und 14 Jahren, Fußball-, Handball- und andere soziale Sportcamps oder Turniere, für viele verschiedene Sportarten. An den Events können alle Jugendlichen und Kinder teilnehmen und ein Ticket erwerben. Dank langjährig gewachsener Kontakte zu Unternehmern in Osnabrück und in die bundesweite Sportszene hinein hat „We PlayFair!“ inzwischen ein Netzwerk an Unterstützern und Spendern aufgebaut. Spenden ermöglichen Kindern aus sozial benachteiligten Familien die kostenlose Teilnahme. Die Kinder werden von engen Kooperationspartnern wie per se! Verein sozialer Dienste, Don Bosco, der Arche, Wunderbunt, der Heilpädagogischen Hilfe oder anderen sozialen Organisationen angemeldet.

Oft kommen prominente Sportgrößen und -funktionäre dazu, die sich Zeit nehmen, ihre Expertise einbringen, beim Training helfen, in Gespräche gehen und motivieren. Die Kinder erhalten ein Training auf Profiniveau, mit einheitlichen Markentrikots, Turnbeutel und Trinkflaschen, sie finden eine hochwertige Trainingsausstattung vor, in den Pausen gibt es gesunde Snacks. Aber wenn die Qualität des Trainings schon hoch ist, ist der Anspruch an den Umgang miteinander sogar noch höher. „Natürlich verbringen wir die meiste Zeit mit Sport, aber viel wichtiger sind die Gespräche zwischendurch, die klar formulierten Erwartungen an Hilfsbereitschaft, Akzeptanz, Freundlichkeit, gelebte Integration und Inklusion. Religion, Hautfarbe, Herkunft, Beeinträchtigungen, Geschlecht, Sprache, Kontostand, sportlicher Leistungsstand – das alles ist gleichgültig und das vermitteln wir.“ Jedes Camp ist begleitet von einem Schlachtruf, der zu Beginn zaghaft, am Ende der Camps aus vollsten Kehlen gemeinsam gerufen wird: „Was zeigen wir dem Rassismus? Die rote Karte!“

Osnabrück spielt für den Erfolg seiner Mission eine wichtige Rolle: „Man kennt sich hier, es nicht so anonym wie in anderen Städten, man kann miteinander sprechen, ein Netzwerk aufbauen“, hat Kenny erlebt. Außerdem gibt es viele engagierte Unternehmer, die sich positiv in das Sozialgefüge der Region einbringen wollen. „Ohne finanzielle Unterstützung aus der Wirtschaft können wir unser Angebot so nicht aufrechterhalten. Und dafür braucht man offene und tolerante Menschen, die sich für den guten Zweck begeistern lassen. Die gibt es in Osnabrück.“

Die Camps finden inzwischen bundesweit statt, Kenny kennt viele Sporthallen und Fußballvereine in der ganzen Republik. Dabei hat er viel gelernt: „Wenn Kinder laut werden, hat das einen Grund. Man hat ihnen nicht zugehört, als sie noch leise waren“, ist er überzeugt. „Ich höre ihnen zu und nehme sie ernst.“ Viele einzelne Begegnungen, die ihm eindrücklich in Erinnerung bleiben. Kürzlich bekam er einen Anruf von einem ehemaligen Campteilnehmer, der vorher fast auf die schiefe Bahn geraten wäre. Heute macht er eine Ausbildung, hat eine Freundin, mit ihr eine gemeinsame Wohnung. Und ist stolz darauf, dass er seinen Weg geht. Er rief an, um Kenny Danke zu sagen, dafür, dass er für den Wendepunkt gesorgt hatte. Oder ein anderer Junge bewies zu Beginn des Camps: Sozialverhalten Fehlanzeige. „Ein anstrengender, lauter, rüpelhafter Junge, der keinerlei Rücksicht nahm“. Es folgten sehr klare Rückmeldungen von Kenny, empathische Gespräche unter 4 Augen. Einige Tage später ein Anruf von einem Lehrer, der berichtet, dass eben dieser Junge im Sportunterricht plötzlich einem rücksichtlosen Mitschüler ruhig aber mit Nachdruck erklärt, wie man gut miteinander umgeht. Auf die Rückfrage des kritisierten Mitschülers, wer denn sowas sagt, die Antwort: „Das hat Kenny mir beigebracht. Und Kenny ist cool. Den solltest du auch mal kennenlernen.“